Presse

Unverschämt reich und unglaublich spendabel

Stuttgarter Zeitung von Thomas Faltin 16. Juli 2016

Den günstigen Bauträgern fehlt der Boden

Wohnungsbau in StuttgartStuttgarter Zeitung von Sven Hahn 07. März 2016

Der Bau- und WohnungsVerein Stuttgart ist der älteste Bauträger der Stadt. Der Vorstandsvorsitzende, Thomas Wolf, beklagt: „Es fehlt der politische Wille für mehr Wohnungsbau.“

 

Stuttgart - Bauherren, die in Stuttgart Wohnungen errichten und am Ende günstig vermieten wollen, sind rar. „Doch das ist genau unser Auftrag“, erklärt Thomas Wolf. Er ist der Vorstandsvorsitzende des Bau- und Wohnungsvereins und Sprecher aller ehemals gemeinnützigen Wohnbauunternehmen. Doch trotz dieser Haltung denkt Wolf inzwischen laut darüber nach, nicht länger in der Landeshauptstadt zu bauen. Der Grund: „Es fehlt der politische Wille für mehr Wohnungsbau.“

Laut Thomas Wolf ist die Situation mehr als schwierig. Die Verwaltung und der Gemeinderat sind strikt gegen neue Baugebiete. Man setzt auf Innenentwicklung. „Dafür müssten wir Bestandsgebäude abreißen, um dort bauen zu können. Doch das ist politisch nicht beliebt“, so Wolf. „Aber über Wohnbau auf der grünen Wiese wird nicht einmal diskutiert“, sagt der Vorstand weiter. Der Bau- und Wohnungsverein wolle zwar bauen, so Wolf. „Doch wir wissen langsam nicht mehr wo.“

Das Unternehmen feiert am Dienstag sein 150-jähriges Bestehen und ist damit der älteste Bauträger der Stadt. „Gutverdienende werden auch in Zukunft kein Problem haben, hochwertigen Wohnraum in guter Lage zu finden“, schreibt Wolf in der Pressemitteilung zum Jubiläum und fügt hinzu: „Unsere Klientel ist aber der normale Angestellte oder Arbeiter – die Krankenschwester, der Erzieher der Beamte oder der Handwerker.“ Im Gespräch mit der StZ ergänzt er: „Schon junge Akademiker haben inzwischen kaum mehr eine Chance, eine Wohnung in der Stadt zu finden.“

Gründung im Jahr 1866

Das Unternehmen wurde 1866 von Eduard Pfeifer gegründet und hat derzeit fast 5000 Mietwohnungen und damit mehr als 300 000 Quadratmeter Wohnfläche in seinem Bestand. Bis auf wenige Ausnahmen befindet sich alles auf Stuttgarter Markung. Doch das könnte sich rasch verändern. „Auf dem freien Markt können wir uns nicht mit Grundstücken versorgen“, sagt Wolf. Bei den Preisen, die von institutionellen Anlegern oder gewinnorientierten Bauträgern bezahlt würden, könne man nicht mitgehen. Wolf erklärt in diesem Zusammenhang seine Kalkulation: „Wir rechnen derzeit mit Herstellungskosten von rund 2800  Euro pro Quadratmeter Wohnfläche.“ Das seien allein die Baukosten. „Der Grundstückspreis ist darin nicht eingerechnet.“ Wenn das Unternehmen nun auf eigenen Grundstücken baut, strebt Wolf eine Miete für die Neubauwohnungen von unter elf Euro pro Quadratmeter an. „Das gilt etwa für die 93 Wohneinheiten nahe der Darmstädterstraße in Bad Cannstatt“, sagt er. Müsse man den Preis für das Grundstück jedoch hinzurechnen, komme man schnell auf eine Kaltmiete von mehr als 13 Euro. „Wir sind also auf günstige Grundstücke der Stadt angewiesen“, sagt er.

„Was uns Sorgen bereitet, es kommen weitere Folterwerkzeuge auf uns zu“, so Wolf. Der Chef des Bau- und Wohnungsvereins spielt damit auf Vorschriften für den Neubau an, die sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen sollen. „All das macht das Bauen und somit die Mieten teurer“, sagt er.

Soll die Stadt wachsen, ja oder nein?

Mit Blick auf Stuttgart fordert Thomas Wolf eine Grundsatzentscheidung von der Politik: „Soll die Stadt wachsen, ja oder nein“, fragt er in Richtung Rathaus. „Ich bin mir sicher, sagt Wolf zu diesem Thema, dass die Stadt angesichts des immer weiter steigenden Drucks auf dem Wohnungsmarkt mittelfristig nicht umhinkommt, neue Baugebiete auszuweisen.“ Als Gründe nennt Wolf sowohl die Zuwanderung von Fachkräften, die von der boomenden Wirtschaft rund um Stuttgart angelockt werden sowie den massiven Zustrom von Flüchtlingen. „Derzeit stehen knapp 4000 Haushalte auf der Warteliste für eine Sozialwohnung“, sagt er und fügt hinzu: „Ich rechne damit, dass dort bald 7000 stehen werden.“

Das 150-jährige Bestehen des Bau- und Wohnungsvereins wird am Abend in der Alten Reithalle gefeiert. Stuttgarts OB Fritz Kuhn (Grüne) wird am Abend zwar vom Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) vertreten, in der Presseerklärung zum Jubiläum bezeichnet der OB das Unternehmen jedoch als „Pionier des Gemeinnützigkeitsgedankens und des sozialen Wohnungsbaus in Deutschland“.

 

Abrissgebäude werden zur Notunterkunft

Flüchtlinge in Stuttgart-BotnangStuttgarter Zeitung von Torsten Ströbele 11. November 2015 - 01:17 Uhr

Der Winter naht, und die Stadt benötigt dringend Plätze für Flüchtlinge. Nun werden an der Beethovenstraße für etwa fünf Monate rund 130 Flüchtlinge einziehen.

Stuttgart-Botnang - Die Stadtverwaltung ist händeringend auf der Suche nach Interimsquartieren für Flüchtlinge. Erster Bürgermeister Michael Föll sagte vor rund zwei Wochen, dass bis zum Ende des Jahres noch 800 bis 1000 Plätze gefunden werden müssen. 165 Flüchtlinge werden nun in den nächsten Tagen in Botnang vorübergehend ein neues Zuhause finden.

Ab dem 23. November sollen sukzessive 26 Wohnungen in den Gebäuden der Beethoven­straße 60 bis 70 von rund 130 Flüchtlingen bezogen werden, bestätigt Axel Wolf vom Amt für Liegenschaften und Wohnen auf Nachfrage der Nord-Rundschau. Die drei Gebäude gehören dem Bau- und Wohnungsverein Stuttgart. Sie sind in die Jahre gekommen und sollen abgerissen werden. "An den Plänen hat sich nichts geändert", betont Vorstandsmitglied Jürgen Oelschläger. "Wir wollen im Frühjahr abreißen." Das sei auch so mit der Stadt besprochen.

Wegen des anstehenden Winters müsse man aber eh damit warten. Solange könne die Stadt die Gebäude als Notquartier nutzen. "Wir sind froh, wenn wir der Stadt diesbezüglich helfen können", sagt Jürgen Oelschläger. Derzeit seien noch vier Wohnungen an der Beethovenstraße 60 bis 70 von aktuellen Mietern belegt. "Die Mietverhältnisse sind aber zum 30. November gekündigt. Das hat allerdings nichts mit den Flüchtlingen zu tun", betont Oelschläger.

Der Bau- und WohnungsVerein Stuttgart möchte drei Gebäude aus den 1920er Jahren durch einen Neubau ersetzen. Noch sind nicht alle Wohnungen leer.
Foto: © BWV

Der Bau- und WohnungsVerein Stuttgart hatte im Februar 2013 seine Neubaupläne im Rahmen einer Bezirksbeiratssitzung vorgestellt. „Die Gebäude aus dem Jahr 1927 haben vielleicht noch eine Restdauer von zehn bis 15 Jahren“, sagte der Vorstandsvorsitzende Thomas Wolf damals. Es müsse sich deshalb unbedingt etwas tun. An Fassaden, Dach und Decke sei keine Wärmedämmung vorhanden. Knarrende Holzböden wären beim Thema Schallschutz problematisch. Auch an den Holzfenstern habe der Zahn der Zeit genagt. Die Gebäude seien nicht barrierefrei zugänglich. Es gebe keine Balkone. Und auch die Grundrisse der Wohnungen seien nicht mehr zeitgemäß: Alle Zimmer seien zur Straße hin orientiert und mit maximal 18 Quadratmetern viel zu klein. Ein Neubau sei an dieser Stelle sinnvoll.

Auch an der Zumsteegstraße werden Flüchtlinge erwartet. Das sieht Wolfgang Reitzig anders. Seine Mutter wohnt noch an der Beethovenstraße. Die neuen Wohnungen, die ihm vom Bau- und WohnungsVerein Stuttgart angeboten wurden, nennt er „einen Witz mit Anlauf“. Eine Wohnung habe sich in Feuerbach gefunden. Seine Mutter sei aber alleine schon wegen der Ärzte an Botnang gebunden. Drei andere Angebote bezeichnet Reitzig als Wohn-Klos. „Einige der noch verbliebenen Mieter weigern sich auszuziehen und wollen den Abriss verhindern“, sagt Reitzig. Oelschläger geht dagegen davon aus, dass alle vier verbliebenen Mietparteien noch ausziehen werden. Das sieht Wolfgang Reitzig anders: „Ich weiß, was ich tue.“ Wie lange seine Mutter und er nun gemeinsam mit den Flüchtlingen an der Beethovenstraße leben werden, wird sich zeigen.

Mittlerweile hat auch Botnangs Bezirksvorsteher Wolfgang Stierle Bescheid bekommen, dass in den nächsten Tagen neue Bewohner in den Gebäuden des Bau- und WohnungsVereins Stuttgart einziehen werden. „Ich halte mit keinen Informationen hinter dem Berg, aber ich bekomme solche Dinge leider auch nur sporadisch mitgeteilt“, sagt der Schultes. Während er gedanklich bei der Beethovenstraße sei, werde er allerdings schon an diesem Mittwoch real mit weiteren Flüchtlingen an der Zum­steegstraße konfrontiert. Wie die Sozialarbeiterin von der Arbeitsgemeinschaft Dritte Welt, Susanne Weimer-Aue, bestätigt, erwartet sie an diesem Mittwoch weitere sieben Familien und somit insgesamt weitere 35 Personen – darunter 22 Kinder und Jugendliche. Somit seien zwölf der 13 Wohnungen an der Zumsteegstraße 1 bis 3 belegt. Die Stadt hatte ursprünglich vor, dass nur in fünf Wohnungen Flüchtlinge einziehen werden. Insgesamt werden ab Mittwoch dann doch 56 Menschen in den beiden Gebäuden der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft leben. Susanne Weimer-Aue hat von den Neuankömmlingen vor etwa anderthalb Wochen erfahren, Stierle erst am Montag und das durch Zufall. Darüber ist der Bezirksvorsteher alles andere als erfreut: „So kann man mich nicht im Regen stehen lassen.“ Und auch der Freundeskreis brauche die Informationen und etwas Vorlauf, um die Flüchtlinge begrüßen und sich um sie kümmern zu können, betont er.


 

 

Kinder suchen sich ihre Wahl-Omas und -Opas

Das Wohncafé in OstheimStuttgarter Zeitung von Georg Linsenmann 10. November 2015 - 07:30 Uhr

Das Wohncafé Ostheim gilt als besonders gelungenes Beispiel für integratives Wohnen. Barrierefreiheit ist selbstverständlich – und eine Hauptamtliche unterstützt die vielen Ehrenamtlichen bei der Organisation des Angebots.

S-Ost - Zunächst einmal ist das Wohncafé im Gebäuden der Rotenbergstraße 110 ein Treffpunkt: für die Mieter im Haus, aber auch für Anwohner und für den ganzen Stadtteil, denn das Wohncafé ist öffentlich zugänglich. Darüber hinaus ist ein Wohncafé aber auch ein weitergreifendes Konzept, das helfen soll, älteren Menschen möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben im gewohnten Umfeld zu ermöglichen und zudem Chancen gegen drohende Alterseinsamkeit bieten will.

Ein noch relativ junger Ansatz, von dem 2008 gegründeten Stuttgarter Verein Integratives Wohnen ins Werk gesetzt. Der Verein selbst ist Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband – und wird getragen von Wohnungsunternehmen. Aktuell sind das 13 Genossenschaften, dem fast 150 Jahre alten, stiftungsähnlichen Bau- und WohnungsVerein Stuttgart sowie zwei GmbHs. Für diesen Verbund wiederum bildet der Verein Integratives Wohnen „das Dach“, unter dem Wohncafés realisiert werden. Aktuell sind es in Stuttgart 14 an der Zahl, 16 insgesamt mit jenen in Esslingen und Kirchheim/Teck. „Und drei weitere sind in der Pipeline“, sagte Dagmar Lust bei einer Rundfahrt für Vorstände der Wohnungsunternehmen.

Rosa Vollmer (rechts) leitet das Wohncafé in Ostheim. Neben ihr steht Dagmar Lust vom Verein Integrative Wohnformen.
Foto: Georg Linsenmann

Eine Hauptamtliche hilft den Ehrenamtlichen

Voraussetzung für die Einrichtung eines Wohncafés ist zunächst die völlige Barrierefreiheit, für die der Bau- und WohnungsVerein Stuttgart als Eigentümer beim Ersatzbau für das nicht sanierungsfähige Altgebäude sorgte. Hinzu kommt das im Haus verortete Pflegeangebot, das im Wohnprojekt Ostheim, in dem auch viele Familien wohnen, von Anna-Haag-Mobil bedient wird.

Bei der Einrichtung des 2013 eröffneten Wohncafés ging der Bau- und Wohnungsverein aber einen Schritt über die geforderten Bedingungen hinaus, wie der Vereinsvorstand Thomas Wolf erläuterte: „Im Wohncafé hängt viel vom ehrenamtlichen Engagement ab. Wir wollten aber, dass das dauerhaft lebt und haben uns gesagt: Das darf uns etwas kosten. Wir wollten eine hauptamtliche Organisation, die den Ehrenamtlichen hilft, das Ganze organisiert und auch mit Veranstaltungen Impulse setzt.“

Mittagstisch, Rückengymnastik, Kulturprogramm

Das macht hier die Quartiermanagerin Rosa Vollmer von Anna-Haag-Mobil, die zur Hälfte auch im Pflegedienst in der Oststadt arbeitet: „Das bringt viele Vorteile“, berichtet Vollmer, „ich kann oft frühzeitig sehen, wenn jemand Hilfe braucht, kann aber auch mal jemanden aus dem Quartier einladen.“ Nicht zuletzt sorgt sie für das vielfältige Angebot: Mittagstisch drei Mal die Woche, gemeinsames Kochen, Rückengymnastik, Sonntagsbrunch, Nachbarschaftstreff mit gemeinsamem Abendessen, Generationen-Frühstück. Auch öffentliche Veranstaltungen wie ein Thaddäus-Troll-Programm diesen Sonntag.

Nicht zuletzt wichtig aber sei der Alltag: „Für die Bewohner ist das Wohncafé wie ein erweitertes Wohnzimmer. Hier können sie sich zwanglos treffen, gemütlich sitzen, sich unterhalten. Das wird richtig gut angenommen“, betont Vollmer, „das ist ein Stück Lebensqualität für die Menschen hier.“ Ein weiteres Pfund in dieser Hinsicht: die angegliederte Kindertagesstätte. Hier mischen sich die Generationen, hier passieren Begegnungen einfach so. Eltern können ihre Kinder springen lassen, einen Kaffee trinken und sehen, wie die Kinder unter der Obhut ihres Wahl-Opas oder ihrer Wahl-Oma sind. Das ist etwas, was alle als sehr positiv erleben. Oder, wie es ein Bewohner formulierte: „Das Wohncafé ist der Grund dafür aufzustehen, sich anzuziehen und aus seiner Wohnung zu gehen.“